Hoher Kontrast

Myanmar: Die Rohingya im Würgegriff eigener Terroristen. Von Michael den Hoet

Hunderte Tote im Westen von Burma/Myanmar, zehntausende Angehörige der Rohingya-Minderheit auf der Flucht. Doch wer nur "Völkermord" ruft, macht es sich zu leicht. Es sind auch Terroristen im Spiel.

Nach einigem Hin und Her hat die die Regierung Myanmars (Burma) zugesagt, humanitäre Hilfe im Westen des Landes zuzulassen. In Teilen der Provinz Rakhine State/Arakhan herrschen derzeit bürgerkriegsartige Zustände vor. Die Armee geht gegen Siedlungen der muslimischen Minderheit der Rohingya vor.

 

Berichten zufolge soll es mehrere hundert Tote gegeben haben, hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Das Nachbarland Bangladesch - arm und dichtbevölkert - zögerte zunächst bei der Öffnung seiner Grenzen. Gestern gab die Regierung bekannt, sie werde die ankommenden Flüchtlinge ins Land lassen und versorgen, forderte aber Myanmar auf, die Menschen bald wieder zurückzunehmen. Die Bengalis sprechen die gleiche Sprache wie die geflohenen Rohingya und sind mit ihnen verwandt.

 

Die Anschuldigungen internationaler Medien gegen Myanmar - vor allem aus der muslimischen Welt, aber auch aus dem Westen - sie wiegen schwer: gezielte Vertreibungen, "ethnische Säuberungen", Islamhass durch die buddhistische Bevölkerungsmehrheit, ja: Völkermord. Verwiesen wird auf frühere Unruhen und Fluchtwellen von Rohingyas in den letzten Jahren.

 

Manche Verfasser schreiben gar einen Religionskrieg herbei - diesmal mit Buddhisten als Tätern. Forderungen werden laut, der Demokratie-Ikone Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis abzuerkennen. Der Dalai Lama, der wohl bekannteste Buddhist weltweit, appelliert an sie, sich schützend vor die Rohingyas zu stellen. Doch die Außenministerin und de-facto-Regierungschefin beurteilt die Gewaltexzesse in Arakhan anders, spricht von einem "gewaltigen Eisberg an Falschinformation".

 

 

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Vereinfachte Wahrheit bei Al Jazeera: Muslime als Opfer, extreme Buddhisten als Täter
AlJazeera auf Twitter (AJEnglish)

Vereinfachte Wahrheit bei Al Jazeera: Muslime als Opfer - extreme Buddhisten als Täter

 

 

In der Tat bieten viele Medien allenfalls dünnes Hintergrundwissen. Dieses wäre allerdings zwingend notwendig, um als Leser oder TV-Zuschauer verstehen zu können, warum es zu den Gewaltexzessen kommt. Dass Al Jazeera ein Interesse an der Schwarz-Weiß-Berichterstattung hat - auf der einen Seite muslimische Opfer, auf der anderen Täter aus einer anderen Religion: Das ist angesichts ihrer politischen Agenda nachvollziehbar. Doch auch Journalisten deutscher Leitmedien machen es sich mit ihrer Zuschreibung der Verantwortung für die Konflikte im ehemaligen Burma erschreckend einfach.

 

So nennt der ARD-Ostasien-Korrespondent Holger Senzel auf NDR Info und tragesschau.de die einflussreiche Aung San Suu Kyi "eine skrupellose Politikerin", beschuldigt sie der Beihilfe zu Umsiedlung, Deportation und Mord. Er beruft sich dabei offenbar auf den UN-Menschenrechtskommissar Seid Raad al-Hussein, der von "Merkmalen ethnischer Säuberungen" spricht. Die Rohingya seien, "die meistverfolgte Minderheit der Welt"  sowie "Sündenböcke für alles, was schief läuft im bitterarmen Myanmar". Aber über die Geschichte des Konflikts und mögliche, konkrete Anlässe der Gewalt sagt und schreibt Senzel nichts.

 

 

Myanmar/Burma - ein Vielvölkerstaat im Umbruch

 

Myanmar ist ein Vielvölkerstaat mit 135 anerkannten Ethnien. Die Burmesen bilden die Mehrheit in der offiziell zu 88% buddhistischen Bevölkerung. Aber auch Christen, Muslime, Hindus sind vertreten. 50 Jahre lang - ab 1962 - war das Land eine Militärdiktatur, bis es 2012 endlich zu freien Wahlen kam. Überlegen gewann Aung San Suu Kyi, Tochter des einstigen Unabhängigkeitskämpfers Aung San (1915-1947), mit ihrer Partei "Nationale Liga für Demokratie". Sie hatte über 20 Jahre lang unter Hausarrest gestanden, weil die Militärs ihr Charisma fürchteten. Doch die Demokratie in Myanmar ist jung und zerbrechlich. In vielen Teilen des Landes schlummern ethnische Konflikte.

 

Aus diesem Grund hat sich das Militär auch nach der Wende die Zuständigkeiten für Sicherheit und Verteidigung nicht nehmen lassen. Aung San Suu Kyi kann hier drängen und diskutieren, aber keine Befehle erteilen - wie das normalerweise in der Macht eines Staatsoberhauptes stünde.

 

Die jüngste Geschichte kennt viele Beispiele von Vielvölkerstaaten, wo es nach politischen Umbrüchen zu Unruhen, Bürgerkrieg oder gar Zerfall kam: Afghanistan, die Sowjetunion, Yugoslawien, Irak, Syrien. Während der Militärherrschaft in Burma hatte die Armee bewusst manche ethnische Rivalität am Köcheln gehalten, um zu verhindern, dass sich unterschiedliche Volksgruppen gegen die Machthaber verbündeten. Nahmen jedoch Gewalttätigkeiten überhand, konnte es wiederum passieren, dass die Generäle rabiat einschritten, um die territoriale Integrität des Landes zu wahren.

 

 

Konfliktherd Rakhine State

 

Besonders häufig war das im Westen des Landes der Fall: In Rakhine State - die Provinz ist auch bekannt unter dem alten Namen Arakhan - wollten nach der Unabhängigkeit im Jahre 1948 die Nachfahren der muslimischen Einwanderer aus Bengalen nicht in einem überwiegend buddhistischen Staat leben. Die Nachbarschaft insbesondere zum lokalen Stammvolk der Arakhanesen war schwierig.

 

Als während des Zweiten Weltkrieges unter dem Druck der zukünftigen japanischen Besatzer die britischen Herrschaftsstrukturen zerfielen, war es 1942 in Maungdaw und in anderen Orten zu Massakern aus Reihen der muslimischen Minderheit gegen Buddhisten gekommen. Viele der buddhistisch geprägten Arakhanesen wurden aus ihren Wohnorten vertrieben. Diese hatten sich daraufhin ebenfalls organisiert und Muslime angegriffen. Es starben zehntausende Menschen.

 

Unter den Rohingya - wie sich die Muslime im Rakhine State nun nannten - bildete sich eine Untergrundarmee. Ihr Ziel: ein eigener muslimischer Staat oder den Anschluss an Ost-Pakistan (ab 1971: Bangladesch). Ihr Mittel: Anschläge gegen staatliche und militärische Einrichtungen, sowie Terrorakte gegen Zivilisten anderer Volksgruppen.

 

Es floss viel Blut, bis 1982 die "Rohingya Mujahideen" als militärisch besiegt galten. Doch die Separatisten fanden immer wieder Nachfolger und formierten sich neu. Sie orientierten sich dabei an anderen islamistischen Terrorgruppen weltweit - zuletzt Al-Khaida und dem IS/Daesh.

 

 In einem Propaganda-Video feiert die ARSA ihre Terroranschläge vom 25. August 2017

 

 

Die Rolle der Terrorgruppe ARSA

 

Der neueste von ihnen ist die Arakhan Rohingya Salvation Army (ARSA). Ihr Anführer, ein in Pakistan geborener und in Saudi-Arabien aufgewachsener Rohingya namens Attullah Abu Ammar Jununi, baute die Terrortruppe ab 2012 in Rakhine State auf. Im letzten Jahr verübte sie einen Überfall auf eine Polizeiwache nahe der Grenze zu Bangladesch. Die Miliz erschoss neun Polizisten und erbeutete Schusswaffen.

 

Die fortgesetzten Guerilla-Attacken erreichten ihren Höhepunkt am 25. August dieses Jahres: In einer koordinierten Aktion griff die ARSA 30 Polizeistationen bzw. -posten an, tötete mehrere dutzend Menschen und vergrößerte abermals ihr Waffenarsenal. Anschließend versteckten sich die bewaffneten Islamisten in den Dörfern und Ortschaften der Rohingya. Man kann darüber spekulieren, ob ein westlich-demokratischer Staat sich einen solchen Terrorangriff gefallen lassen würde. Für die Armee Myanmars jedenfalls war es das Signal zur jüngsten, harten Militäraktion.

 

Da Bewohner in Rohingya-Siedlungen ihre Stammesgenossen nicht verraten wollten - sofern sie überhaupt mitbekommen hatten, wer bei ihnen untergetaucht war - gerieten zehntausende Zivilisten zwischen die Fronten. Wie häufiger in den letzten Jahrzehnten wurden Menschen, die man der Kollaboration beschuldigte, aus ihren Quartieren vertrieben.

 

Das Militär sagt, es wolle die möglichen Unterschlupfe der Terroristen weg haben, vermint sogar Teile der Grenze zu Bangladesch, um zu verhindern, dass sich die Widerständler dorthin zurückziehen und neu formieren. Nach außen behaupten die Kommandeure, die Rohingya würden auf der Flucht selber ihre Dörfer anzünden. Das könnte vereinzelt sogar der Fall sein, ist aber insgesamt vermutlich eine Propaganda-Lüge. Ein BBC-Reporter, der mit einer Journalistengruppe in das Krisengebiet gelassen wurde, berichtete: Er hätte beobachtet, wie Männer in Polizeiuniform Hütten von Rohingya anzündeten.

 

Jüngsten Berichten zufolge soll die ARSA einen einmonatigen, einseitigen Waffenstillstand verkündet haben. Ganz offensichtlich steht ihnen nun das Wasser bis zum Hals. Das Militär erklärt hingegen: Man verhandle nicht mit Terroristen.

Militäreinsätze werfen immer die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel auf. Es scheint: Die Armee versucht mit übertriebener Härte einen ethnischen Konflikt im Vielvölkerstaat Myanmar zu deckeln.

 

 

Der schlechte Ruf der Rohingya

 

Zur heutigen Generalversammlung der Vereinten Nationen sollte eigentlich Aung San Suu Kyi anreisen. Doch sie sagte kurzfristig ab. Die "Neue Züricher Zeitung" schreibt über die einstige Hoffnungsträgerin: "Nicht erst in der gegenwärtigen Krise ist aus Suu Kyis Verhalten jedoch deutlich geworden: Die Verantwortung für die Entwicklungen in Burma liegt weniger in ihren Händen, als es wünschbar wäre. ... Durch den Pakt mit den Generälen trägt sie Handschellen."

 

Doch Fakt ist auch: Die Rohingya sind ungeliebt - nicht nur in Myanmar. Weder benachbarte Länder noch arabische Staaten nehmen sie auf. In Rakhine State ist ihre Zahl in den letzten Jahzehnten stark gestiegen: nicht nur durch hohe Geburtenraten, sondern offenbar auch durch unkontrollierte Zuwanderung aus dem heutigen Bangladesch - dem Gebiet, aus dem ihre Vorfahren stammen. Wenn die demographische Entwicklung so weiterginge, wären die Buddhisten in Arakhan bald in der Minderheit.

 

Oft wird beklagt, dass Myanmar den Rohingya die Staatsbürgerschaft verweigert. Doch auch im Angesicht der aktuellen Gewalt darf man fragen: Wie weit würde die Loyalität der Muslime in Rakhine State gegenüber diesem Staat reichen, wären sie als eine nationale Minderheit anerkannt? Ihre schlechte Lage ist auch den separatistischen und terroristischen Aktivitäten in ihrem Namen in der Vergangenheit geschuldet. Insofern haben die Rohingya nicht nur die Armee Myanmars als Gegner. Sie befinden sich mindestens genauso im Würgegriff von Terroristen aus den eigenen Reihen.

 

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Links zu Myanmar und dem aktuellen Rohingya-Konflikt:

Wird Rakhine der neue Kosovo? - Telepolis/Heise.de 

„Aung San Suu Kyi hat kaum politischen Spielraum“, Interview mit Hans-Bert Zöllner - Die Schwäbische 

Myanmar, Medien und die Propagandalüge - Tichys Einblick 

The Rohingya Of Myanmar: Pawns In An Anglo-Chinese Proxy War Fought By Saudi Jihadists - Moon of Alabama [engl.] 

Myanmar has a new insurgency to worry about - South China Morning Post [engl.] 

Before You say Aung San Suu Kyi is a cruel, heartless leader, Read these facts first - rightlog.in [engl.]  

Its Not Buddhists Killing Muslims In Myanmar, Its Rohingya Muslims Killing Buddhists From 1947 - Vedic Upasana Peeth [engl.] 

Radicaal moslim verzet neemt toe in Birma door bevrijdingsleger ARSA - Boeddhistisch Dagblad [ndl.]  

Vertiefend:

Zur Geschichte der Muslime in Arakhan - SOAS Bulletin of Burma Research (2005) [engl.] 

Allgemeine Infos zu Myanmar/Burma - Websites, die von Exil-Burmesen betrieben werden:

Irrawaddy.com [engl.] 

The Democratic Voice of Burma [engl.] 

 

Kommentare (1)

  • Beate Kraml vor 5 Monaten
    Viele Dank

    Vielen Dank für diesen aufklärenden Bericht! Die Medien berichten einseitigst über diesen Konflikt - und zu allem Überdruss hat nun auch der Dalai Lama seinen Glaubensgeschwistern und der Staatschefin Aung San Suu Kyi mit seinem Kommentar einen Bärendienst erwiesen, zementiert er doch nur das Narrativ der einen Seite ein. In einem immer noch vom Militär geführten Staat Mitglieder der Streitkräfte anzugreifen und zu töten, ist wohl keine gute Idee. Die Antwort der Armee fällt erwartungsgemäß brutal aus und zieht für Viele eine menschliche Katastrophe nach sich.
    Dass aber die von den Saudis unterstützten Rohingya-"Rebellen" das Gebiet von Rakhine für sich erobern wollen, lässt weder bei der UNO noch bei den Berichterstattern irgendwelche Alarmglocken läuten. Die Errichtung eines weiteren "Gottesstaates" ist wohl das Letzte, das die Menschheit braucht! Die Folgen für die ursprüngliche buddhistische Gesellschaft wären Verfolgung und Tod. Dagegen wehren sich auch die Mönche, die bereits gegen die Militärdiktatur Widerstand geleistet haben.